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Paul Nolte ist der Meinung, dass ein Ausbruch aus der Eindeutigkeit befreiend sein kann, wie in der Geschlechterordnung etwa, aber auch verwirrend.
Historiker Nolte: Die Welt wird uneindeutiger
Der Berliner Zeithistoriker Paul Nolte sieht in der Auflösung politischer und gesellschaftlicher Ordnungen eine große Herausforderung des 21. Jahrhunderts.
Die Welt werde uneindeutiger, sagte Nolte der "Berliner Zeitung" (Samstag). "Die binäre Ordnung löst sich auf: Mann oder Frau? Demokratie oder Diktatur? Fortschritt oder Rückschritt? Wir wissen es nicht mehr", sagte der Professor an der Freien Universität Berlin. Es fehle eine neue Orientierung.
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Der Vorwurf, die Kirchen seien in der Corona-Pandemie zu wenig präsent gewesen, trifft Geistliche weiter schwer. Der EKD-Ratsvorsitzende weist das zurück: Man sei in einem Dilemma gewesen, und Seelsorge stehe nun einmal nicht in den Schlagzeilen.
Der Direktor der Evangelischen Akademie zu Berlin, Rüdiger Sachau, hat die Kirche zu einer stärkeren Auseinandersetzung mit Populismus in den eigenen Reihen aufgefordert. "Wir sind als Kirche auch Teil des Problems", sagte der Theologe.
"Wir haben keine neuen Begriffe für die neue Welt. Wir wissen nicht wohin es geht", sagte der Historiker. So sei unklar, ob Europäisierung und Globalisierung im nächsten Jahrzehnt "wieder Fahrt aufnehmen" oder es eine Rückentwicklung zum Nationalstaat, "ja zum Autoritarismus", geben werde. "Postmodern, postdemokratisch, postliberal: das sind alles Nachklänge an Vergangenes", sagte Nolte, der auch Präsident der Evangelischen Akademie zu Berlin ist. Der Ausbruch aus der Eindeutigkeit könne befreiend sein, wie in der Geschlechterordnung etwa: "Aber er verunsichert auch: Das ist eine große Herausforderung des 21. Jahrhunderts."