© epd-bild/Detlef Heese
Im Advent verwandelt "Krippen-Bernd" sein Haus in ein Krippenmuseum.
Auf einer Anrichte im Flur liegt ein Jesuskind, aus Gips gegossen. Hausherr Bernd Philippskötter nimmt die 20 Zentimeter große Figur kurz in die Hand und bettet sie dann sanft in ihr dunkelrotes Samttuch zurück. "Der liegt das ganze Jahr hier", sagt der rundliche 46-Jährige, den alle nur "Krippen-Bernd" nennen. Ein gerahmtes Foto einer Weihnachtskrippe dominiert eine Wand im Wohnzimmer - auch dieses hängt ganzjährig über der rustikalen Sofa-Garnitur. Während der Adventszeit jedoch verwandelt Philippskötter Jahr für Jahr das gesamte Innere seines Hauses mitten in Glandorf südlich von Osnabrück mehr und mehr in ein Krippenmuseum.
Aus Kartons holt der gelernte Tischler, der in einer Sargtischlerei arbeitet, dann Hunderte von Gipsfiguren heraus, die er über Jahrzehnte gesammelt hat. Manche messen nur zehn Zentimeter, andere sind bis zu einem Meter groß. Dutzende Marias, Josefs, Christkinder, Esel, Ochsen, Engel, Hirten und Könige sortiert er auf Tischen, Regalen und Fenstersimsen zu Weihnachtskrippen. Als Herbergen und Krippenlandschaften dienen Felsenhöhlen, moosbedeckte Innenhöfe, steinerne Häuser und Holzhütten - alles selbst gebaut und modelliert.
Über ein zwei Meter breites Sideboard zieht sich eine Krippenlandschaft entlang eines alten Gemäuers mit Rundbögen und Felsvorsprüngen. Das Jesuskind liegt im Stroh, Maria kniet an seinem Kopfende, Josef stehend mit ernstem Gesicht, neugierig beäugt von Hirten, Ochs und Esel.
"Nur" zehn Krippen dieses Jahr - wegen Corona
Zehn Krippen werden es dieses Jahr werden - nur zehn, sagt er, wegen Corona: "Da kommt ja niemand, um sie sich anzusehen." 2019 hatte der Krippenfreund 16 aufgestellt und fast 300 Besucher durch seine Privaträume geführt.
Philippskötter besitzt aber noch mehr: Etwa 22 Krippen seien es derzeit, erzählt der Katholik. Einige werden in Kirchen oder Geschäften der Umgebung ausgestellt. Sein erstes Taschengeld gab er für eine Krippe aus: "Mein Vadder hatte auch schon so einen Knall", sagt er mit leicht plattdeutschen Einschlag, rückt die Träger seiner Arbeitshose zurecht und zuckt grinsend mit den Achseln.
Der Höhepunkt seiner Ausstellung ist eine Krippenlandschaft, für die der Junggeselle mit Freunden aus dem Dorf die gute Stube komplett ausräumt. Auf rund 16 Quadratmetern gestaltet er sie jedes Jahr neu, mit immer wieder anderen Figuren. "Das ganze wird von 20 Bierkisten, 6 Holzbohlen und einem Wohnzimmertisch getragen", erklärt "Krippen-Bernd" und tätschelt einem Dromedar den Kopf.
Engel schnitzen und AC/DC hören
Die Rollläden sind heruntergelassen, vor dem Fenster und an den Wänden ranken sich Zypressenzweige bis unter die Zimmerdecke. Moos, Steine, verwitterte Baumstämme und Erde bilden eine Lichtung. Im Hintergrund beherrscht eine Herberge aus ineinander verschlungenen Baumwurzeln die Szenerie. "Die haben wir aus mehreren Wurzeln zusammengeschraubt", sagt der Selfmade-Krippenbauer. Darunter, im Licht eines Scheinwerfers, blicken Maria und Josef ehrfürchtig auf ihr heiliges Kind, links und rechts hocken Engel im Moos. An den Seiten stehen Hirten und Könige.
Philippskötter liebt diese Gipsfiguren, die nach Holzmodellen teilweise berühmter Bildhauer gegossen sind. Er hält auf Ausstellungen und im Internet immer Ausschau nach seltenen, wertvollen Stücken. Für Kirchengemeinden und Privatpersonen schnitzt er auch selbst Figuren, am liebsten Engel, Jesuskinder und aus Baumstämmen sogenannte Krippenstelen nur mit heiliger Familie und Engeln.
Eine solche Stele hat er auch jetzt wieder in Arbeit. Das Schnitzen wie auch den Krippenbau hat der Holzexperte sich selbst beigebracht. "Als Achtjähriger bekam ich das erste Werkzeug geschenkt. Damals wollte ich eigentlich Bildhauer werden." Mit ernstem Blick setzt "Krippen-Bernd" das Eisen an den Lindenstamm und schlägt mit dem Klüpfel zu. Kleine Späne fliegen umher. Bald lässt sich ein Flügel erahnen. Als Untermalung hört er dabei Musik: Heavy Metal von AC/DC.
Geschichte der Weihnachtskrippen: Weihnachtskrippen waren ursprünglich im überwiegend katholischen Süden Europas beheimatet. Heute seien sie auch im Norden in vielen christlichen Familien und in fast allen Kirchen verbreitet, sagt Krippenforscher Gerhard Lohmeier. Die Tradition stammt aus dem 16. Jahrhundert - auch wenn Franziskus von Assisi schon 1223 Evangeliumstexte und vor allem das Weihnachtsevangelium mit Figuren darstellen ließ. Franziskus tat dies aber mit lebenden Personen.
Papst Paul III. (1468-1549) habe im Zuge der Gegenreformation den damals neuen Jesuitenorden beauftragt, den Menschen das Evangelium zu verkünden. "Die Jesuiten setzten dabei auf bildgestützte Verkündigung", sagt Lohmeier, Vorsitzender des Vereins Krippenfreunde Osnabrück und Emsland, des nach seiner Aussage nördlichsten Krippenvereins Deutschlands. "Dort, wo Jesuitengründungen waren, wurden dann auch Weihnachtskrippen gezeigt." Als erste figürliche Darstellung der Geburt Jesu gelte eine Weihnachtskrippe, die 1562 in der St. Clemenskirche in Prag aufgestellt wurde.
Seit der Barockzeit verbreiteten sich Krippen von Südeuropa Richtung Norden, auch in christliche Missionsgebiete nach Afrika, Lateinamerika und Asien, so der gebürtige Bayer Lohmeier. Das Zentrum der Weihnachtskrippen liege in Deutschland aber nach wie vor im Süden. "Dort hat jede Gemeinde einen eigenen Krippenverein, der jedes Jahr eine Ausstellung zeigt." Einige Vereine unterhalten eigene Krippenbauschulen.
Dass auch Familien sich Krippen für zu Hause anschaffen, begann laut Lohmeier etwa seit dem 18. Jahrhundert. Einfache Leute hätten sich das aber erst ab Mitte des 19. Jahrhunderts leisten können. Damals habe die Massenproduktion von Gipsfiguren begonnen, erläutert der emeritierte Professor für Kunst- und Werkpädagogik an der ehemaligen katholischen Fachhochschule Norddeutschland in Osnabrück.
Neben Gips und Holz werden Krippen und ihre Figuren heute aus allen denkbaren Materialien hergestellt. Beliebt sind Pappmaché, Papier, Wachs und Stoff. Aber sogar Figuren aus Hufnägeln und Briketts gibt es. Auch bei den Stilrichtungen sind der Fantasie keine Grenzen gesetzt. Viele Krippen sind original orientalisch gestaltet. Andere Baumeister passen sie der jeweiligen Kultur an, mit Figuren etwa in Dirndl und Lederhosen und der Herberge im Fachwerkstil.
Einer, der das Handwerk sozusagen von der Pike auf gelernt hat, ist Norbert Grave. Der frühere Bankkaufmann (67) hat die Krippenbauschule in Klüsserath an der Mosel absolviert und ist nun einer der wenigen Krippenbaumeister in Norddeutschland. "Wir wollen den Krippenbau in die Breite bringen und auch Kinder dafür begeistern", sagt der Bad Iburger. Zudem liege ihm daran, in einer Zeit, in der die Kirchen immer leerer würden, mit dem Krippenbau auch den christlichen Glauben weiterzugeben.