Debatte über antisemitische Bilder an und in Kirchen

Antisemitismus-Beauftragte der Bundesregierung Felix Klein im Gespräch mit gestikulierenden Händen

© epd-bild/Christian Ditsch

Der Antisemitismus-Beauftragte der Bundesregierung Felix Klein wirbt in der Debatte um den Umgang mit mittelalterlichen antijüdischen Darstellungen und Schmähplastiken für einen Austausch zwischen Kirchen und der jüdischen Gemeinschaft.

Judenfeindliche Schmähplastiken
Debatte über antisemitische Bilder an und in Kirchen
Wie umgehen mit judenfeindlichen Schmähplastiken aus dem Mittelalter an Kirchen wie in Wittenberg? Eine Tagung in Berlin suchte nach Antworten.

In der Debatte um den Umgang mit mittelalterlichen antijüdischen Darstellungen und Schmähplastiken an und in Kirchen wirbt der Antisemitismusbeauftragte der Bundesregierung, Felix Klein, für einen Austausch zwischen Kirchen und der jüdischen Gemeinschaft. "Es gibt in der Debatte kein richtig oder falsch", sagte Klein bei einer Podiumsdiskussion am Dienstag in Berlin: "Ein Fehler macht nur, wer sich dem nicht stellt."

Klein plädierte dafür, über die Entfernung oder Nichtentfernung der beleidigenden, schmähenden Skulpturen nicht die Gerichte entscheiden zu lassen, sondern eine Lösung im Austausch zwischen den beiden Religionen zu finden. Die Reliefs und Darstellungen dokumentierten in ihrer "verstörenden, profanen Vulgarität", wie Juden durch die Brille der christlichen Theologie und Gesellschaft gesehen wurden. Dieser Kulturgeschichte müssten sich die Kirchen bewusst sein. "Dann haben sie die Chance, zu verhindern, dass sich das Gleiche wiederholt", sagte Klein.

Der Antisemitismusbeauftragte der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), Christian Staffa, forderte von den Kirchen mehr Selbstreflexion. Diese öffne den Weg zu Veränderung. Laut Staffa gehört dazu, eine andere Bildsprache zu entwickeln, beispielsweise den Jünger Judas Jesus aus Liebe küssen zu lassen und nicht als Zeichen des Verrats (Judaskuss) oder in der Abendmahlsformel die Formulierung "in der Nacht, als er verraten wurde" abzuschaffen.

Die Podiumsdiskussion "Bilderverbot?! Zum Umgang mit antisemitischen Bildern an und in Kirchen" war Abschluss einer Tagung der Evangelischen Akademie in Berlin zum Thema.

Doron Kiesel vom Zentralrat der Juden in Deutschland sprach sich gegen ein generelles Entfernen der umstrittenen Plastiken aus. "Abnehmen ist eine Form des Wegschauens", sagte Kiesel. Die jüdische Gemeinschaft sollte sich auch nicht in die Kirchengemeinden einmischen. Allerdings sollte ein Prozess der Auseinandersetzung durch einen interreligiösen Dialog angeregt werden, sagte Kiesel.

Die Erinnerungsbeauftragte der Evangelischen Kirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz, Marion Gardei, betonte die Wichtigkeit von entsprechenden Strukturen innerhalb der Kirche. Die Landeskirche erarbeite deshalb ein Gesetz für den Umgang mit antisemitischen Schmähplastiken, um die betroffenen Gemeinden bei der Aufarbeitung nicht allein zu lassen. Dort, wo solche Reliefs noch sichtbar im Kirchenraum hingen, sollten laut Gardei zunächst keine liturgischen Handlungen mehr vorgenommen und Gottesdienste gefeiert werden. "Das ist für mich eine rote Linie", sagte Gardei.

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Schmähplastiken oder Schmähskulpturen waren in der christlichen Kunst des Mittelalters fester Bestandteil und Ausdruck von Antijudaismus der Kirchen. Juden wurden in den Darstellungen an den Kirchen verhöhnt, verspottet und gedemütigt. Ein prominentes Beispiel ist die Schmähskulptur "Judensau" an der Wittenberger Stadtkirche.

Auf dem um 1300 entstandenen Relief in etwa vier Metern Höhe ist ein Rabbiner zu sehen, der den Schwanz eines Schweins anhebt und ihm in den After sieht. Zwei weitere Juden saugen an den Zitzen des Tiers. Das Schwein gilt den Juden als unrein.

Bekannt sind in Europa 48 solcher Darstellungen, darunter neben Wittenberg am Kölner Dom, am Dom von Brandenburg an der Havel, dem Regensburger Dom und an der Kathedrale von Metz (Frankreich). Wie damit umzugehen ist, ist umstritten.

Die eine Seite fordert den Erhalt der Schmähplastiken als kunsthistorisches Erbe, die aber durch Informations- und Gedenktafeln, die über die Hintergründe aufklären, ergänzt werden. Die andere Seite will die Plastiken von den Kirchen entfernen lassen und sieht in ihnen eine anhaltende Schmähung jüdischer Menschen und des Judentums.