© epd-bild / Jens Schulze
Die Zahl der Kirchenaustritte bei den Protestanten stieg im Vergleich zum Pandemiejahr 2020 um 60.000 auf rund 280.000.
Im Jahr 2021 war erstmals weniger als die Hälfte der Deutschen katholisch oder evangelisch. Das zeigen die am Montag veröffentlichten Zahlen der katholischen Deutschen Bischofskonferenz. Demnach waren rund 21,6 Millionen Menschen katholisch, mehr als eine halbe Million weniger als noch 2020. Damit sank die Zahl der evangelischen und katholischen Kirchenmitglieder erstmals auf unter 50 Prozent der deutschen Bevölkerung. In Deutschland machen die Katholiken 26 Prozent der Gesamtbevölkerung aus, rund 23,7 Prozent sind Protestanten. Die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD) hatte ihre Statistik bereits im März veröffentlicht.
Der Mitgliederverlust in den 27 katholischen Bistümern beläuft sich auf 547.125. Ein Grund für den hohen Rückgang ist die Zahl der Kirchenaustritte, die auf 359.338 stieg. Damit verlor die Kirche fast 138.000 Mitglieder mehr als noch 2020, noch nie traten so viele Menschen aus der katholischen Kirche aus. Die Austrittsrate stieg auf 1,6 Prozent. Die Austritte und Sterbefälle konnten durch Taufen und Kircheneintritte nicht kompensiert werden. Knapp 142.000 Menschen wurden 2021 getauft, 1.400 Menschen traten in die katholische Kirche ein.
Der Vorsitzende der katholischen Deutschen Bischofskonferenz, Georg Bätzing, äußerte seine Erschütterung über die hohe Zahl der Kirchenaustritte. Es sei nichts schönzureden, betonte er. "Die Skandale, die wir innerkirchlich zu beklagen und in erheblichem Maße selbst zu verantworten haben, zeigen sich in der Austrittszahl als Spiegelbild", sagte er mit Bezug zur Missbrauchskrise. Er sehe die Zahlen jedoch auch als Auftrag, mit den begonnenen Reformen fortzufahren. Katholische Bischöfe und Laien der Kirchenbasis befinden sich seit 2019 im Reformprozess Synodaler Weg, der Anfang 2023 abgeschlossen werden soll.
Der Münsteraner Religionssoziologe Detlef Pollack sagte, die 50-Prozent-Schwelle sei eine wichtige Marke. Wenn sich die Mehrheitsverhältnisse wandeln, dann stehe die Mitgliedschaft bei vielen infrage, sagte er dem epd. Der Trend zum Kirchenaustritt werde sich weiter beschleunigen. "Die Beschleunigung könnte noch einmal zunehmen, weil die Kirchenmitgliedschaft immer stärker der Rechtfertigung bedarf", sagte Pollack. Die Kirchen könnten wenig tun, um den Trend aufzuhalten. "Wer weg ist, den kriegt man kaum wieder."
Ein Blick in die Vergangenheit zeigt, der Mitgliederschwund ist schon seit Jahren Realität. Vor 15 Jahren waren noch 61,2 Prozent der Deutschen katholisch oder evangelisch. Doch hat sich der Mitgliederschwund in den vergangenen Jahren beschleunigt. Ein Grund dafür ist neben dem demografischen Wandel die gestiegene Austrittsrate. In der katholischen Kirche hat sich 2021 der Anteil der Menschen, die aus der Kirche austraten, im Vergleich zu 2016 mehr als verdoppelt. Rechnet man orthodoxe oder freikirchliche Christen hinzu, gehören immer noch mehr als die Hälfte der Bevölkerung einer christlichen Konfession an.
Die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD) hatte ihre Zahlen für 2021 anders als bislang bereits im März veröffentlicht. Demnach gehörten 19,7 Millionen Deutsche einer der 20 evangelischen Landeskirchen an. Die Zahl der Kirchenaustritte stieg im Vergleich zum Pandemiejahr 2020 um 60.000 auf rund 280.000. Damit lag die Austrittsrate bei rund 1,4 Prozent.
Kirchenmitglieder und Kirchenfinanzen - Der Blick in die Vergangenheit zeigt: Der Mitgliederschwund bei Protestanten und Katholiken in Deutschland ist schon seit Jahren Realität. Vor 15 Jahren, im Jahr 2007, gab es 50,3 Millionen Christ:innen, die Mitglied in der evangelischen oder katholischen Kirche waren. Das waren 61,2 Prozent der deutschen Bevölkerung. Für 2021 sieht das Bild deutlich anders aus: Der Anteil der Deutschen, die entweder katholisch oder evangelisch sind, sank auf 49,74 Prozent. Rechnet man orthodoxe oder freikirchliche Christen hinzu, gehören immer noch mehr als die Hälfte der Bevölkerung einer christlichen Konfession an.
Knapp 41,4 Millionen Menschen waren 2021 katholisch oder evangelisch, so die Statistiken der katholischen Deutschen Bischofskonferenz und der EKD. Bis 2060 könnte sich die Zahl der Kirchenmitglieder einer Prognose von Freiburger Finanzwissenschaftlern aus dem Jahr 2019 zufolge halbieren. Grund für den starken Rückgang in den vergangenen Jahren war neben Sterbefällen die hohe Zahl der Kirchenaustritte. In beiden Kirchen erreichten die Kirchenaustritte 2021 Höchststände (evangelisch 280.000, katholisch: 359.338). In der katholischen Kirche verdoppelte sich die Zahl im Vergleich zu vor fünf Jahren: 2016 traten noch gut 162.000 Menschen aus.
Seit 2010 stiegen die Einnahmen aus der Kirchensteuer bei beiden Kirchen trotz Mitgliederschwund kontinuierlich und erreichten im Vor-Pandemie-Jahr 2019 einen Höchststand. Der Grund dafür lag laut dem Forschungszentrum Generationenverträge (FZG) der Freiburger Universität zum einen in der guten Wirtschaftskonjunktur. Zum anderen befindet sich die Generation der "Babyboomer" derzeit biografisch in der Phase der höchsten Steuerzahlungen. Absehbar ist laut den Wissenschaftlern, dass diese Gruppe ab 2035 in Rente sein und der finanzielle Ausfall nicht ausreichend durch die nachfolgenden Generationen ausgeglichen wird. Bis 2060 erwarten die Wissenschaftler, dass sich die finanziellen Ressourcen der Kirchen halbieren.
Wie erwartet, führte bereits die Corona-Pandemie zu einem Rückgang. Die Kirchensteuereinnahmen sind in der evangelischen Kirche nach eigenen Angaben um 5,4 Prozent auf 5,63 Milliarden Euro im Jahr 2020 gesunken. Nach Angaben der Bischofskonferenz zahlten die kirchensteuerpflichtigen Katholiken 6,45 Milliarden Euro Kirchensteuer im Jahr 2020 (minus 4,6 Prozent). Zahlen für 2021 liegen noch nicht vor.
Kurzarbeit und Lohnersatzleistungen reißen ein Loch in die Kirchenfinanzen. Denn die Kirchensteuer ist an die Lohn- und Einkommenssteuer gekoppelt. Zwar können die meisten Landeskirchen und Bistümer diese Verluste durch Rücklagen ausgleichen, doch langfristig müssen die Ausgaben angepasst werden. Schon vor der Corona-Pandemie hatte etwa die EKD sich vorgenommen, den Aufwand im Haushalt real um 30 Prozent bis 2030 zu senken.