Wie Sachsen die "Jahrhundertflut" erlebte

Verwüsteten Häuser in Grimma

© © epd-bild / Eckehard Schulz

Ladenbesitzer stehen am 14.8.2002 in der Tür ihres Geschäftes nach dem Hochwasser in Grimma in Sachsen.

Vor 20 Jahren: Die Macht der Natur
Wie Sachsen die "Jahrhundertflut" erlebte
Hochwasserkatastrophen finden auch in Deutschland in immer kürzeren Abständen statt. Sachsen traf es 2002 und 2013 besonders hart, 2021 das Ahrtal. Die Vorhersagen für Extremwetterereignisse bleiben trotz Forschung begrenzt.

An der Elbe in Dresden-Hosterwitz ragt der gelbe Zwiebelturm in die Landschaft. Die Kirche Maria am Wasser liegt idyllisch, direkt am Flussufer. Doch die Schönheit hat ihren Preis: Wegen ihrer exponierten Lage ist die 1495 errichtete Kirche hochwassergefährdet. Bei der sogenannten Jahrhundertflut im August 2002 versank sie förmlich in den Wassermassen.

Auch über den denkmalgeschützten Friedhof und bis ins benachbarte Pfarrhaus floss die gelblich-braune Brühe. Etwa 1,35 Meter hoch stand das Wasser tagelang in der Kirche, die Inneneinrichtung wurde dabei vollständig zerstört. Die evangelisch-lutherische Gemeinde bezifferte den Gesamtschaden auf rund 700.000 Euro.

Ein Tiefdruckgebiet hatte die "Jahrhundertflut" im August 2002 verursacht, es brachte feuchtwarme Mittelmeerluft. Vollgepumpt mit Wasser aus dem Meer zog es um die Alpen herum auch nach Sachsen. Dort fielen dann innerhalb weniger Tage so große Regenmengen wie sonst innerhalb mehrerer Monate - allein im Erzgebirge bis zu 400 Liter pro Quadratmeter. 21 Menschen starben in Sachsen. Von der Flutkatastrophe waren Deutschland, Österreich und Tschechien betroffen.

Die sogenannte Jahrhundertflut vom August 2002 gilt als eine der schwersten Naturkatastrophen in Mitteleuropa. Entlang der Elbe und ihrer Nebenflüsse richtete sie Schäden in Milliardenhöhe an. In kurzer Zeit regnete es quer über Europa enorme Niederschlagsmengen - ausgelöst vom Tief "Ilse" am 11. August. An einigen Orten gab es Flutwellen von drei bis vier Metern Höhe. Auf ihrem Weg rissen sie Häuser, Brücken und Straßen mit und setzten Innenstädte vollständig unter Wasser. Dörfer wurden zum Teil evakuiert oder waren von der Außenwelt abgeschnitten.

Überflutetes Dresden

Am 17. August 2002 erreichte der Elbe-Pegel in Dresden den Höchststand von 9,40 Metern, in Pirna wurden 11,50 Meter gemessen. In Dresden trat zudem die Weißeritz in ihr altes Flussbett zurück und überflutete Teile der Altstadt, darunter den barocken Zwinger mit der Gemäldegalerie. Die Schäden an Semperoper und den Staatlichen Kunstsammlungen Dresden betrugen rund 47 Millionen Euro.

Die Elbe überflutete den Zwinger in Dresden am 13.8.2002.

Allein in Sachsen betrug die Schadenssumme rund 8,6 Milliarden Euro. Besonders schwer betroffen war unter anderem die Stadt Grimma. Die historische Pöppelmannbrücke wurde vollständig zerstört. Auch das sächsische Müglitztal wurde stark überflutet, dort brach zusätzlich ein Rückhaltebecken. Die Stadt Weesenstein war zeitweise von der Umwelt abgeschnitten.
Seit 2002 investierte Sachsen rund drei Milliarden Euro in Hochwasser-Schutzprojekte.

Kritische Wetterlagen in kürzeren Abständen

"Durch den menschengemachten Klimawandel haben sich die Leitplanken verschoben, innerhalb dessen sich unser gewohntes Wetter abspielt", sagt der Meteorologe am Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung (PIK), Peter Hoffmann. In den vergangenen Jahrzehnten seien auch in Deutschland die Auswirkungen der globalen Erwärmung immer spürbarer geworden.

Kritische Witterungsentwicklungen, die in der Vergangenheit ausgesprochen selten aufgetreten sind, ereignen sich Hoffmann zufolge jetzt in immer kürzeren Abständen und mit größerer Wucht. Das gelte sowohl für Hitzewellen und Trockenperioden als auch für Sturz- und Dauerregen, der dann zu Flusshochwassern führen kann.

Erst im vergangenen Jahr erlebten dies die Menschen in Rheinland-Pfalz und Nordrhein-Westfalen. Mehr als 180 Menschen kamen bei der Flutkatastrophe ums Leben, dabei entstanden enorme Schäden.

"Möglichkeiten präziserer Vorhersagen begrenzt"

"Trotz der gewonnenen wissenschaftlichen Erkenntnisse zur Ursachenanalyse sind und bleiben die Möglichkeiten einer präziseren Vorhersage für das Auftreten solcher Extremereignisse in den kommenden Jahren begrenzt", sagt Hoffmann. Klar sei aber, dass sich die Wahrscheinlichkeit dafür erhöht hat. Die mittelfristige Wettervorhersage könne kritische Entwicklungen für Regengebiete bereits Tage vorhersehen. So könnten zumindest Regionen eingegrenzt werden. Hoffmann befürchtet jedoch, dass das Bewusstsein für mögliche Risiken in der Bevölkerung nicht in ausreichendem Maße verankert ist.

In den vergangenen 20 Jahren habe sich im Hochwasserschutz viel verändert, sagt der Geschäftsführer der Landestalsperrenverwaltung Sachsen, Eckehard Bielitz. Für präventive Maßnahmen investierte der Freistaat Sachsen demnach rund drei Milliarden Euro.

In Grimma an der Mulde schützt die Altstadt jetzt eine Flutschutzmauer, um die Dresdner Innenstadt können innerhalb von wenigen Stunden Flutschutztore geschlossen werden. Dazu kommen laut Bielitz Wasserrückhaltebecken, höhere Flussufer und weitere Hochwasserschutzanlagen an den sächsischen Flüssen.

Dennoch dürfe den Menschen nicht vermittelt werden: "Ihr seid jetzt sicher", sagt Bielitz. Die Hochwassergefahr ist nicht vorüber, das Risiko für Schäden sollte aber geringer sein. Die Bevölkerung ist sich seiner Ansicht nach der Gefahren durchaus bewusst.

Auch an der Datenübermittlung wurde gefeilt: In Sachsen wurde seit 2002 der Hochwassernachrichtendienst grundlegend überarbeitet und zentralisiert, ein Landeshochwasserzentrum wurde eingerichtet. Dort gehen Wettermeldungen sowie Pegel- und Niederschlagsdaten ein. Laut Hochwasserzentrum in Dresden-Klotzsche kann für die Elbe die Entwicklung der Wasserstände bis zu 48 Stunden im Voraus benannt beziehungsweise bis zu 60 Stunden im Voraus abgeschätzt werden.

Die Kirche Maria am Wasser wurde im Jahr 2013 ein zweites Mal überflutet - mit ähnlichen Auswirkungen wie 2002. Derzeit arbeitet die Gemeinde an einem eigenen Hochwassermanagement.

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20 Tage im August: Eine Chronologie

12. August: Nach heftigen Regenfällen wird im Erzgebirge und in Dresden Katastrophenalarm ausgelöst. Pirna steht binnen weniger Stunden unter Wasser. In Freital treibt die Weißeritz große Wassermassen durch die Stadt. Auch in sieben bayerischen Regionen wird Katastrophenalarm ausgelöst.
13. August: In Sachsen nimmt die Flut dramatische Ausmaße an. Kleine Zuflüsse der Elbe wie die Müglitz oder Weißeritz verwandeln sich in reißende Ströme. In Dresden wird die historische Altstadt überschwemmt. Immer kritischer wird es auch an der Mulde in Mittelsachsen. Die Altstadt von Grimma wird überflutet. In Passau erreicht die Donau mit 10,80 Metern den höchsten Stand seit Jahrzehnten. In Tschechien und Österreich stehen ganze Landstriche unter Wasser. Teile von Prag werden evakuiert.
14. August: Das Altenburger Land in Ostthüringen erlebt eine der bisher schwersten Unwetter-Katastrophen. In Dresden und anderen Orten entlang der Elbe kämpfen Zehntausende gegen die Flut. Auch Regensburg wird von einer Flutwelle erfasst.
15. August: Die Elbe bei Dresden erreicht eine Höhe von 8,50 Metern. Von den Evakuierungen sind dort mittlerweile 30.000 Einwohner betroffen. Unter dem Druck der Mulde bricht bei Bitterfeld ein erster Damm. Auch in Mühlberg im südlichen Brandenburg beginnen erste Evakuierungen.
16. August: In Dresden überschreitet der Elbpegel die Neun-Meter-Marke und damit den bisherigen Höchststand von 8,77 Metern aus dem Jahr 1845 (Normalstand: 1,95 Meter). In Bitterfeld und Magdeburg werden Massenevakuierungen vorbereitet. Auch in Brandenburg und Mecklenburg-Vorpommern werden Krisenstäbe tätig.
17. August: Das Elbe-Hochwasser erreicht mit 9,40 Metern seinen Höchststand. Elbe und Mulde überschwemmen Torgau und Bitterfeld. 
18. August: In Dresden und anderen Elbstädten sinken erstmals die Pegel. Die Flutwelle bewegt sich auf Sachsen-Anhalt zu. In Wittenberg bricht ein Deich. Magdeburg setzt die Evakuierung bedrohter Stadtbezirke fort.
19. August: Die Flutwelle erreicht Norddeutschland. In Dessau wird ein Ortsteil nach einem Dammbruch von der Mulde vollständig überflutet.
20. August: Bei Magdeburg bricht ein Deich, mehrere Dörfer werden evakuiert. Im nordwestbrandenburgischen Kreis Prignitz wird Katastrophenalarm ausgelöst und die Evakuierung von 37 Orten angeordnet.
21. August: In Norddeutschland bleibt trotz sinkender Pegel die Lage kritisch. In Mecklenburg-Vorpommern, Niedersachsen und Schleswig-Holstein beginnen Massenevakuierungen.
22. August: Hilfskräfte verstärken rund um die Uhr die Schutzdeiche an der Elbe in der Prignitz und in Niedersachsen.
23. August: In Mecklenburg und Niedersachsen werden weitere Elborte evakuiert. Zehntausende Bundeswehrsoldaten sind weiter im Einsatz.
24. August: Trotz sinkenden Elbpegels ist die Lage in Sachsen-Anhalt weiter angespannt. Zwischen Dessau und Wittenberg werden zwei Deiche gesprengt, um das Wasser zurück in die Elbe zu führen.
25. August: Die Sonntagsgottesdienste in den Hochwassergebieten stehen im Zeichen der Flutkatastrophe. Gemeinsam mit Bundeskanzler Gerhard Schröder (SPD) und Sachsens Ministerpräsident Georg Milbradt (CDU) versammeln sich 2.000 Menschen auf dem Dresdner Schlossplatz zu einem Gottesdienst.
26. August: Der Katastrophenalarm in Dresden, Magdeburg und der Prignitz wird aufgehoben. In Sachsen beginnt wieder der Schulunterricht.
27. August: In Niedersachsen wird der Katastrophenalarm in den Hochwassergebieten aufgehoben.
28. August: In Sachsen sinkt der Elbpegel weiter. Weitere Städte und Landkreise heben den Katastrophenalarm auf.
29. August: Der Bundestag berät in erster Lesung den Gesetzentwurf der Bundesregierung zur Errichtung eines Hilfsfonds für Flutopfer.
30. August: Die Bundesregierung stellt den betroffenen Bundesländern als Aufbauhilfe eine Milliarde Euro zur Verfügung.
31. August: In Schleswig-Holstein wird der Katastrophenalarm fast überall aufgehoben. Die Hilfsorganisationen melden eine "Spendenflut" für Flutopfer von mehr als 200 Millionen Euro.