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Es war ein perfekter Sommer, als der heutige Psychologe Paul Winter noch ein siebzehnjähriger Schüler war und in den Ferien mit Nachhilfe sein Taschengeld aufbesserte. Zunächst wirkte Hanna wie ein aussichtsloser Fall, jedenfalls in Mathe, doch der kluge Paul zeigte ihr einen faszinierenden Weg in die Zauberwelt der Zahlen.
Den Weg in ihr Herz fand er ebenfalls, obwohl die beiden gar nicht zueinanderpassten: Ihr Lieblingsbuch war "Geh, wohin dein Herz dich trägt", er bevorzugte Rilke. Aber dann fiel ein finsterer Schatten auf diese Teenager-Liebe, die tatsächlich nur diesen einen Sommer lang hielt. Die Enttäuschung hat bei beiden tiefe Spuren hinterlassen. Die Wunden mögen verheilt sein, aber die Narben sind nach wie vor vorhanden; und manchmal tun sie immer noch weh.
Die meisten Menschen kennen diese schmerzlich-schönen Erinnerungen an ihre erste Begegnung mit dem Wunder der Liebe. Brigitte Müller, Produzentin, Autorin und diesmal wieder wie schon beim letzten Film gemeinsam mit Oliver Liliensiek auch Regisseurin der ARD-Freitagsreihe "Käthe und ich" erzählt in "Sommerliebe", wie Paul (Christoph Schechinger) zwanzig Jahre später erneut mit den damaligen Erlebnissen konfrontiert wird: Hanna (Christina Athenstädt) taucht aus heiterem Himmel auf dem Gutshof auf und bittet ihren Jugendfreund um Hilfe, weil sie seit einiger Zeit jegliche Lebensfreude verloren hat. Natürlich würde Paul ihr gern beistehen, aber als Klientin kommt sie aufgrund der gemeinsamen Vergangenheit nicht in frage. Hanna lässt jedoch nicht locker, und als ihm klar wird, was der Grund für ihre Lethargie ist, will er ihr erst recht helfen; doch dafür muss er sich auf äußerst dünnes Eis begeben.
Tilmann P. Gangloff, Diplom-Journalist und regelmäßiges Mitglied der Jury für den Grimme-Preis, schreibt freiberuflich unter anderem für das Portal evangelisch.de täglich TV-Tipps und setzt sich auch für "epd medien" mit dem Fernsehen auseinander. Auszeichnung: 2023 Bert-Donnepp-Preis - Deutscher Preis für Medienpublizistik (des Vereins der Freunde des Adolf-Grimme-Preises).
Zunächst wird das Drama jedoch seinem Titel gerecht: In langen Rückblenden schildert Müller, was sich in jenem Sommer ereignet hat. Victor Maria Diderich und Louise Sophie Arnold erweisen sich als vorzügliche Wahl für diese Teenager-Romanze: Er trifft den sachlichen Tonfall, mit dem Schechinger seine Rolle anlegt, ganz ausgezeichnet, und sie lässt keinen Zweifel daran, warum sich Paul damals in Hanna verliebt hat. Später muss sich die junge Schauspielerin eine komplett andere Maske überstreifen und das Gegenteil verkörpern, was ihr nicht weniger überzeugend gelingt. Parallel dazu erzählt Müller ein "Coming out": Tierarzt Eric (Ulrich Brandhoff) ist nicht entgangen, dass Paul bei der Ankunft Hannas wie vom Donner gerührt war, und bittet dessen Mutter (Hildegard Schroedter), ihm zu verraten, warum ihr in diesem Moment die Bemerkung "Ein Albtraum!" entfahren ist. Zum Ausgleich soll er ihr von seiner ersten Liebe berichten, und so schwelgt nun auch Eric ein bisschen in der Erinnerung an jenen Moment, als ihm der Bruder seiner Freundin die Augen öffnete und er überrascht feststellte, dass er schwul ist. Auch auf dieser Ebene sind die Leistungen der beiden jungen Männer (Hannes Linder, Christoph Moreno) sehr überzeugend.
Ein Nebenstrang mit Praxishilfe Jasmina (Anna Hausburg), die ihrerseits ein romantisches Erlebnis hat, ist diesmal ungleich besser integriert als zuletzt. Ebenfalls wieder mit dabei ist der Episodengast des letzten Films, zumal Müller die damalige Handlung geschickt aufgreift: Hanna hat seit einigen Wochen einen kleinen Tierheimhund, der aber keinerlei Anstalten macht, auf sie zu hören. Tierpsychologin Minou (Oona Devi Liebich) erkennt sofort, was los ist: Buddy hätte gern Führung, aber weil Hanna zu schwach ist, glaubt er, sie beschützen zu müssen; das war exakt das Thema von "Der kleine Ritter", als Minous Sohn zum Beschützer seiner Mutter wurde. Paul wiederum wird recht bald klar, was Hannas Problem ist. Die Wurzeln liegen in ihrer Kindheit: Ihre Eltern, Arzt und Ärztin, wollten, dass sie Medizin studiert, obwohl sie viel lieber Architektin werden wollte. Mit ihren Entwürfen kleiner mobiler Häuser war die junge Hanna ihrer Zeit weit voraus, und Paul nutzte die Leidenschaft, um ihr zu zeigen, wie wichtig Mathematik auch in der Architektur ist, weil Statik und Flächen berechnet werden müssen.
Abgesehen vom heute erwachsenen einstigen Liebespaar ist die wichtigste Figur in der Gegenwartshandlung Hannas Gatte. Entsprechend wichtig war die Besetzung: Einerseits muss nachvollziehbar sein, warum Hanna sich zu diesem Mann, einem erfolgreichen Wirtschaftsanwalt, hingezogen fühlt, andererseits soll sich nach und nach herausschälen, warum Torben auch Teil des Problems ist. Für David Rott, als Liebhaber wie als Schurke stets gleichermaßen überzeugend, ist das eine reizvolle Rolle, die er mit einer subtilen Abgründigkeit versieht.