Berlin (epd). Vor dem Hintergrund neuer Erkenntnisse über das Ausmaß von Missbrauch auch in der evangelischen Kirche dringt der SPD-Politiker Lars Castellucci eindringlich bei Bundesfamilienministerin Lisa Paus (Grüne) auf die Umsetzung vereinbarter Vorhaben zur Aufarbeitung sexualisierter Gewalt. "Wir haben uns im Koalitionsvertrag darauf geeinigt, dem Thema mehr Aufmerksamkeit zu schenken und die staatlichen Institutionen zu stärken", schreibt Castellucci in einem Brief an Paus, über den die "Frankfurter Allgemeine Zeitung" am Dienstag (online) berichtete. "Bis heute warten wir auf eine entsprechende Initiative aus Ihrem Haus", heißt es in dem Schreiben, das auch dem Evangelischen Pressedienst (epd) vorliegt. Das Ministerium widerspricht. Man sei bereits "umfassend tätig geworden".
Es reiche nicht, wenn Politik bei jeder neuen Veröffentlichung nur immer die gleiche Betroffenheit äußere, betont Castellucci in seinem Schreiben. Insbesondere das Feld der Aufarbeitung dränge: "Betroffene und Täter versterben, Taten verjähren, Akten verschwinden", erklärt der Beauftragte der SPD-Bundestagsfraktion für Kirchen und Religionsgemeinschaften.
Castellucci fordert Paus dazu auf, die im Koalitionsvertrag vereinbarte gesetzliche Grundlage für das Amt der Missbrauchsbeauftragten mit einer Berichtspflicht an den Bundestag anzugehen. Er fordert zudem unter anderem ein individuelles Recht auf einen Aufarbeitungsrahmen mit Akteneinsicht, Informationsrechten und Aufbewahrungsfristen sowie eine Stärkung und bessere Ausstattung der Aufarbeitungskommission, die bislang ehrenamtlich arbeitet. Für die Kommission fordert er ein Initiativrecht, "damit Aufarbeitung nicht in das Belieben von Organisationen gestellt bleibt".
Eine Sprecherin des Familienministeriums sagte dem epd, dass ein Entwurf zur "Stärkung der Strukturen gegen sexuelle Gewalt an Kindern und Jugendlichen" bereits Anfang Dezember in die Abstimmung innerhalb der Bundesregierung gegangen sei. Derzeit würden die eingegangenen Stellungnahmen gesichtet und ausgewertet sowie die Länder- und Verbändeanhörung vorbereitet. "Einige der Vorschläge von Herrn Castellucci sind im aktuellen Entwurf bereits vorgesehen", sagte die Sprecherin, ohne konkrete Details zu nennen. Paus wehrte sich derweil im Sender "Welt" gegen die Vorwürfe: "Offenbar ist Herr Castellucci da nicht wirklich gut informiert."
Castellucci, der amtierender Vorsitzender des Innenausschusses ist, spricht sich in dem Brief auch für eine Dunkelfeldstudie aus, die das wahre Ausmaß sexualisierter Gewalt aufdecken soll, und für eine Stärkung des Fonds Sexueller Missbrauch, über den Betroffene von Missbrauch in der Familie seit 2013 finanzielle Hilfe erhalten können. Auch für eine Gedenkveranstaltung im Bundestag unter Einbindung Betroffener plädiert er. In der vergangenen Woche wurde die von der EKD beauftragte Studie vorgestellt, nach deren Ergebnis das Ausmaß von Missbrauch auch in der evangelischen Kirche größer ist als bislang angenommen.