Kinderschutzbund: Jugendamt hat bei "Zwölf Stämmen" guten Job gemacht

Kinderschutzbund: Jugendamt hat bei "Zwölf Stämmen" guten Job gemacht
Der bayerische Kinderschutzbund hat die Arbeit der Behörden im Falle der umstrittenen Glaubensgemeinschaft "Zwölf Stämme" gelobt.
06.09.2013
epd
Hanna Jochum

"Wenn das Kindeswohl tatsächlich gefährdet war, dann hat das Jugendamt da einen richtig guten Job gemacht", sagte der Landesvorsitzende des Kinderschutzbunds, Ekkehard Mutschler, am Freitag im schwäbischen Finningen dem Evangelischen Pressedienst (epd).

Den Sektenmitgliedern war am Donnerstag vorläufig das Sorgerecht für alle ihre Kinder entzogen worden, nachdem sich Hinweise auf erhebliche und dauerhafte Kindesmisshandlung durch die Mitglieder erhärtet hatten.

Oberstes Gebot für die Mitarbeiter des Jugendamtes sei, die Familien zu unterstützen. Erst wenn die Eltern ihrer Pflicht nicht mehr nachkommen könnten, keine sozialpädagogische Unterstützung annähmen oder "komplett beratungsresistent" seien, sei der Staat gesetzlich dazu verpflichtet, für die betroffenen Kinder zu sorgen, erläuterte Mutschler.

Das Jugendamt habe die "Zwölf Stämme" genau beobachtet und ständig kontrolliert, weil es in der Vergangenheit immer wieder Prügelvorwürfe und Streit um die Schulpflicht der Kinder gegeben habe. "Aber erst wenn man mit den Betroffenen überhaupt nicht mehr reden kann, greift das Jugendamt ein", sagte der Kinderschutzexperte.

Grundsätzlich gebe es kein Geheimrezept dafür, wann Kinder aus einer Familie genommen werden müssten. "Da gibt es keinen Katalog, den man abarbeiten kann", stellte Mutschler klar. Die zuständigen Behörden müssten daher sehr vorsichtig und sensibel vorgehen. "Denn es geht hier um Menschen, es geht hier um Leben und um Kinder", erinnerte er.

Wie es mit den 40 in Obhut genommenen Jungen und Mädchen der Sekte weitergehe, müsse ein juristisches Verfahren klären, erläuterte Mutschler die nächsten Schritte. Erst wenn das Familiengericht den Vorwurf der schweren Kindesmisshandlung als gesichert ansehe, werde den Eltern das Sorgerecht endgültig entzogen. Dann müssten für die Kinder schnellstmöglich Pflegefamilien gefunden werden. "Wichtig dabei ist, dass man die Kinder so gut wie möglich beieinander lässt und sie nicht trennt", betonte der Landesvorsitzende.
 

Die Glaubensgemeinschaft "Zwölf Stämme" ist im nordschwäbischen Klosterzimmern angesiedelt. Dort leben seit dem Jahr 2000 rund 100 Mitglieder der Sekte nach eigener Auffassung bibeltreu und nach urchristlichen Regeln. Die Sekte ist nach den Zwölf Stämmen Israels benannt. Sie zeichnet sich vor allem durch ihre soziale Abgeschlossenheit aus. Die Mitglieder enthalten ihren Kindern aus Glaubensgründen Bildung an einer staatlichen Schule vor. Die Jungen und Mädchen werden von ihren Eltern unterrichtet, obwohl diese keine staatliche Genehmigung haben. Aussteiger berichteten von Züchtigungen und Prügeln. Daraufhin hatte die Staatsanwaltschaft Augsburg im vergangenen Jahr gegen Mitglieder der Sekte ermittelt, das Verfahren jedoch mangels Beweisen eingestellt. Aufgrund neuer Hinweise auf Kindesmisshandlung wurde der Sekte am 5. September vorläufig das Sorgerecht für insgesamt 40 Kinder und Jugendliche entzogen. Zeitgleich leitete die Staatsanwaltschaft Augsburg ein neues Ermittlungsverfahren ein.