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Aussschnitt eines Fahndungsplakat des Bundeskriminalamts von 1972, zu RAF-Terroristen, Baader-Meinhof Gruppe.
Acht Seiten lang ist der Brief, der am 20. April 1998 in Chemnitz bei der Nachrichtenagentur Reuters eingeht. Am Fuß der letzten Seite prangt groß die berüchtigte Maschinenpistole mit dem Stern im Hintergrund und dem Schriftzug "RAF". Im Text ist zu lesen: "Heute beenden wir dieses Projekt." Nach 28 Jahren mit 34 Morden, mit Bombenattentaten, Geiselnahmen und Banküberfällen ist die Terrororganisation "Rote Armee Fraktion" Geschichte.
"Den Mitgliedern der RAF ist einerseits klar, dass sie nicht mehr weitermachen können", erklärt der Hamburger Politologe und RAF-Kenner Wolfgang Kraushaar die Motive der Terrorist:innen für ihr Schreiben vor 25 Jahren. "Andererseits wollen sie sich rechtfertigen, indem sie sagen, dass die Existenz der RAF ihre Berechtigung hatte." Tatsächlich steht in dem Brief, es sei ein Fehler gewesen, "neben der illegalen, bewaffneten keine politisch-soziale Organisation" aufgebaut zu haben. Der Terror selbst steht hingegen nicht infrage.
Es ist auch die Geschichtsvergessenheit des Datums, das den Ex-Chef des Bundeskriminalamts, Horst Herold, empört. Der 20. April, Hitlers Geburtstag. "An einem solchen Tag löst sich eine RAF, wie ich sie kenne, nicht auf", sagt er. Eine "Rote Armee Fraktion", die besonders im "Deutschen Herbst" 1977 mit ihrem Terror die Republik erschüttert hatte. Damals ermordete sie den Generalbundesanwalt Siegfried Buback, den Bankier Jürgen Ponto und den Arbeitgeberpräsidenten Hanns Martin Schleyer.
Das Ende der linksterroristischen Vereinigung hatte sich schon länger angebahnt. Mit dem Ende des Ost-West-Konflikts entfielen Logistik, Waffenausbildungs- und Rückzugsmöglichkeiten, die die östlichen Geheimdienste den Terroristen zur Verfügung gestellt hatten, auch durch Verbindungen zu arabischen Geheimdiensten und Terrorgruppen. Nach dem Ende der DDR flogen viele ehemalige RAF-Mitglieder auf, die im Osten untergetaucht waren. Der RAF-Häftling Karl-Heinz Dellwo verfasste daraufhin ein Papier, in dem er die RAF kritisierte - bis dahin war das undenkbar gewesen.
Im Januar 1992 deutete Klaus Kinkel (FDP), damals Bundesjustizminister, an, der Staat sei zur Versöhnung bereit, "wo es angebracht sei". Im Jahr darauf kamen neun inhaftierte RAF-Mitglieder vorzeitig frei. Zuvor, im April 1992, hatte die RAF erklärt, dass sie keinen "Angriff auf führende Repräsentanten aus Wirtschaft und Staat" mehr unternehmen werde.
"Das bedeutete nicht, dass die RAF auf Gewalt verzichtete", erläutert Kraushaar. "Es hieß lediglich, dass sie keine Menschen mehr umbringen würde." Ihren letzten Terrorakt verübte die RAF am 27. März 1993, einen Sprengstoffanschlag auf das leere, neu gebaute Gefängnis im hessischen Weiterstadt.
"Die hatten überhaupt keine politische Strategie mehr, kein Ziel", beschreibt Kraushaar den inneren Zustand der RAF, "die sind ganz auf sich selbst zurückgefallen". Er nenne das "autistisch". Es sei der RAF nur noch darum gegangen, inhaftierte Mitglieder freizupressen, und zwar bereits sehr früh, nämlich ab Ende der 1970er Jahre. Im Mai 1997 habe es in Zürich ein Treffen verbliebener RAF-Leute gegeben. Dabei seien sie zu dem Schluss gekommen, es ergebe keinen Sinn mehr, weiterzumachen.
Einblicke in das Innenleben der RAF hat Kraushaar seinen Worten zufolge unter anderem von Dellwo selbst. Dellwo habe nach seiner Haftentlassung für einige Zeit an seinem Hamburger Institut mitgearbeitet, sagt Kraushaar. Bislang sei das nicht öffentlich bekannt gewesen. "Er hat nie zugegeben, dass er zu den Verfassern des Auflösungsschreibens gehört", berichtet Kraushaar, "ich bin mir aber sehr sicher, dass er dabei war". Die meisten ehemaligen RAF-Mitglieder schweigen bis heute über ihre Zeit im Untergrund.
Auch in dem Auflösungsschreiben vom 20. April 1998 sieht Kraushaar Anzeichen für die Selbstbezogenheit der Terrorgruppe, vor allem in deren Umgang mit den Opfern - oder besser: deren Nicht-Umgang. "Sie gedenken in dem Brief ihrer eigenen getöteten Mitglieder und listen sie auf, aber all die anderen Menschen, die durch den Terror umgekommen sind, die sie ermordet haben, kommen in dem Brief gar nicht vor", sagt der Politologe. Das sei es, was er mit "autistisch" meine.
Nach drei ehemaligen RAF-Mitgliedern wird bis heute gefahndet: Ernst-Volker Staub, Daniela Klette und Burkhard Garweg. Bis heute verübt das Trio von Zeit zu Zeit Raubüberfälle, überwiegend in Norddeutschland. Das mit dem Fall befasste Landeskriminalamt Niedersachsen gehe davon aus, dass sich die drei unter falschen Namen verborgen halten, möglicherweise im Ausland, sagt dessen Sprecherin Antje Heilmann: "Die Fahndung nach den Gesuchten wird weltweit betrieben."
Wahrscheinlich dienen die Überfälle aber lediglich dazu, Geld für das Leben im Untergrund zu beschaffen. "Hinweise, dass die Überfälle einen terroristischen Hintergrund haben sollen, liegen nach Prüfung der Generalbundesanwaltschaft in Karlsruhe nicht vor", erklärt Heilmann.
Hintergrund: Drei Generationen RAF
Die Ursprünge der RAF liegen in der sogenannten Baader-Meinhof-Bande. Die Journalistin Ulrike Meinhof gehört zwar zu den ersten Mitgliedern der Gruppe, tonangebend sind aber Andreas Baader und Gudrun Ensslin. Baader und Ensslin verüben am 2. April 1968 zusammen mit zwei weiteren Tätern Brandanschläge auf zwei Frankfurter Kaufhäuser.
Baader wird am 4. April 1970 festgenommen, zehn Tage später aber mit Meinhofs Hilfe wieder befreit. Anfang April gibt sich die Gruppe den Namen "Rote Armee Fraktion" (RAF). Erstes Todesopfer des Terrors ist eine Terroristin: Petra Schelm stirbt am 15. Juli 1971 nach einer Schießerei mit Polizisten in Hamburg. Ebenfalls nach einem Schusswechsel stirbt am 22. Oktober 1971 der Polizist Norbert Schmid.
Im Jahr 1972 folgen mehrere Bombenanschläge, unter anderem auf Einrichtungen der US-Armee in Frankfurt am Main und Heidelberg sowie auf den Sitz des Springer-Verlags in Hamburg. Dabei sterben insgesamt vier Menschen. Die Polizei verstärkt daraufhin den Fahndungsdruck - mit Erfolg: Ende 1972 sind alle maßgeblichen Mitglieder der RAF in Haft.
Nun bildet sich um Christian Klar und Brigitte Mohnhaupt eine "zweite Generation" der Terrorgruppe. Ihr Hauptzweck ist, die Mitglieder der "ersten Generation" aus der Haft freizupressen. RAF-Terroristen ermorden im "Deutschen Herbst" 1977 den Generalbundesanwalt Siegfried Buback, den Dresdner-Bank-Chef Jürgen Ponto sowie den Arbeitgeberpräsidenten Hanns Martin Schleyer. Gleichzeitig entführen palästinensische Terroristen die Lufthansa-Boeing "Landshut" ins somalische Mogadischu, Pilot Jürgen Schumann wird erschossen.
Auch nachdem Meinhof, Baader und Ensslin in der Haft Suizid begangen haben, mordet die Gruppe weiter. Bis Anfang der 1980er Jahre zerschlagen die Sicherheitsbehörden deren Infrastruktur und verhaften die meisten ihrer Mitglieder.
Um Wolfgang Grams und Birgit Hogefeld bildet sich eine "dritte Generation". Sie ermordet beispielsweise 1989 den Deutsche-Bank-Chef Alfred Herrhausen und im April 1991 den Präsidenten der Treuhandanstalt, Detlev Karsten Rohwedder. Drei Monate später stellt die Polizei Grams und Hogefeld am Bahnhof des mecklenburgischen Bad Kleinen. Bei einer Schießerei kommt Grams um, Hogefeld wird verhaftet. Der Polizist Michael Newrzella, der dabei ebenfalls stirbt, ist das letzte Todesopfer der RAF.
Im Lauf ihrer Geschichte ermordet die RAF 34 Menschen. 27 ihrer Mitglieder und Sympathisanten kommen ums Leben, außerdem fünf unbeteiligte Menschen.
Hintergrund: Terror von links
Neben der linksextremistischen Terrorvereinigung RAF bilden sich aus dem linken Milieu der späten 1960er Jahre mehrere andere Terrorgruppen. Die Bewegung 2. Juni nimmt in ihrem Namen Bezug auf den Tod des Studenten Benno Ohnesorg, der am 2. Juni 1967 unter mysteriösen Umständen durch eine Polizeikugel starb. Die Gruppe verübt Sprengstoffanschläge, überfällt Banken und entführt Personen des öffentlichen Lebens. Am 2. Juni 1980 erklärt sie ihre Auflösung. Einige ihrer Mitglieder schließen sich der RAF an.
Die Tupamaros haben ihren Namen von Guerilleros in Uruguay. Ableger gibt es in West-Berlin und in München. Die Mitglieder dieser Gruppen verüben Brand- und Bombenanschläge. Bereits 1970 lösen die Tupamaros sich wieder auf.
Die Revolutionären Zellen begehen von 1973 an bis in die 1990er Jahre hinein Anschläge. Zwei ihrer Mitglieder, Wilfried Böse und Brigitte Kuhlmann, entführen zusammen mit palästinensischen Terroristen im Juli 1976 einen Air-France-Airbus von Tel Aviv nach Entebbe in Uganda. Die Aktion soll den Staat Israel treffen. Die Tat löst grundlegende Diskussionen unter den deutschen Linken über deren Verhältnis zu Israel und zur Gewalt aus - vor allem, weil Böse und Kuhlmann mit vorgehaltener Waffe jüdische Passagiere des Airbus von den anderen Passagieren getrennt haben sollen, unter ihnen auch Überlebende des Holocaust. Israelische Spezialkräfte befreien die Geiseln.
Noch weitgehend im Dunkeln liegt die Rolle der Nachrichtendienste. Peter Urbach etwa, V-Mann des Berliner Verfassungsschutzes, beliefert die Bewegung 2. Juni und die Tupamaros mit Sprengstoff und auch mit fertigen Bomben.
Info: Stefan Aust: "Der Baader-Meinhof-Komplex"; erweiterte Neuausgabe; Verlag Hoffmann und Campe; Hamburg 2017; 32 Euro Wolfgang Kraushaar: "Die blinden Flecken der RAF"; Klett-Cotta-Verlag; Stuttgart 2017; 25 Euro Petra Terhoeven: "Die Rote Armee Fraktion. Eine Geschichte terroristischer Gewalt"; Verlag C.H.Beck; München 2017; 9,95 Euro